Erst liken, dann lesen – Neugier versus Vernunft

Dez 07 2010

Vor einiger Zeit tauchte in meinen Facebook-Updates ein Pinnwand-Eintrag eines Freundes auf, der mich stutzig machte. Sinngemäß lautete der Post: “OMG WTF wenn du DAS LIEST wirst du NIE WIEDER bei MC DONALD´S essen wollen!!!!! Ich habe es selbst NICHT GEGLAUBT aber das ist wirklich so EKELHAFT!!!!!”.

Der inflationäre Gebrauch von Satzzeichen ist alles andere als ein Markenzeichen dieses besagten Freundes, und auch der Tonfall wollte irgendwie nicht so richtig passen, was mich so misstrauisch machte, dass ich dem Ganzen auf den Grund gehen wollte. Long story short: Ich werde zwar die Wahrheit über McD (hoffentlich) nie erfahren – dafür ist der ominöse Pinnwand-Eintrag geklärt. Um die Wahrheit (und nichts als diese) zu erfahren, hätte ich die Seite erst bei Facebook liken und dann teilen müssen – ja, nee, is´ klar.

Gut, hab ich mir gesagt, Schwamm drüber. Wir sind nunmal neugierig. Als das Video von der Herstellung von McNuggets durchs Netz ging, habe ich es auch geschaut. Ein YouTube-Video, das sich über den Unfall bei WettenDass lustig macht, wurde bisher etwa 1,3 Millionen mal aufgerufen (nicht weil es die Leute gut finden, sondern weil der Titel “Unfall bei WettenDass” lautet). Ich nehme es niemandem übel, wenn er “egal” denkt und auf  “like it” klickt, um über McD zu lesen, “was Sie nie über McD wissen wollten”. Und auch wenn ich hoffe, dass immer mehr User diese Art Lock-Seiten erkennen, die Vernunft über die Neugier siegen lassen und zumindest nicht mithelfen, diesen Schmarrn weiterzuverbreiten – ich rege mich nicht darüber auf, wenn sie es nicht tun.

Bis heute.

Wütend. Traurig. Fassungslos.

Heute sah die Seite hinter dem Link, den mir jemand in die Timeline schickte,  so aus:

Über 60.000 Facebook-Nutzern  scheint es egal zu sein, dass sie aufgefordert werden, etwas weiter zu verbreiten, das sie nicht einmal kennen.

Über 60.000 Facebook-Nutzer klicken auf  “like” und “share”, um zu lesen, wie der Vater des jungen, lächelnden Mädchens mit der Zahnspange dieses in den Selbstmord getrieben haben soll.

Über 60.000 Facebook-Nutzer hören entweder nicht das leiseste Alarmglöckchen, wenn sie diese Seite sehen, oder sie ignorieren es (und ich weiß nicht, was schlimmer ist).

Und über 60.000 Facebook-Nutzer haben diesen Eintrag auf ihre Pinwand posten lassen:

Ich kann es natürlich nicht mit letzter Sicherheit sagen – aber  ich glaube, dem Mädchen mit den braunen Haaren und der Zahnspange geht es gut.

Der jungen Frau, die hier blutüberströmt als Eyecatcher herhalten muss, nicht.

Denn das ist Neda Agha-Soltan.

Zum Thema (+ technischer Hintergrund): Reingefallen – wie man sich auf Facebook Likes erschleicht

4 responses so far

  • Lena sagt:

    Danke für den Artikel. Werde den zukünftig verlinken, wenn wieder einmal FB-Freunde auf irgendeinen Scam reinfallen. Und: deine Wut kann ich sehr gut nachvollziehen …

    • Webmädchen sagt:

      Wow, der Kommentar ist mir ja voll durchgerutscht – sorry! Und danke fürs Weitersagen – je mehr Leute damit aufmerksamer umgehen, desto besser.

  • Nik sagt:

    Diese Problematik ist genau so schlimm, wie Leute, die bei der Installation einer Facebook Anwendung (fast) alle Rechte zulassen. Das heißt, die Anwendung hat vollen Zugriff auf die Daten das Facebook-Nutzers. Ich habe eigentlich gedacht, viele Facebook Nutzer seien in diese Sache aufgeklärt, aber es gibt halt immer wieder neugierige Nutzer, die wissen wollen was sich dahinter verbirgt. Platziere mal irgendwo einen “Nicht klicken”-Link, ich könnte wetten, jeder zweite Nutzer würde drauf klicken. ;)

    • Webmädchen sagt:

      Ich stimme dir da größtenteils zu, allerdings würde ich da differenzieren: Wer Facebook eher als öffentliche Plattform nutzt und wenig bis garnichts privates preisgibt, kann einer App guten Gewissens mehr oder weniger freien Zugriff gewähren (natürlich trotzdem vorher checken, das sollte sich aber ja von selbst verstehen). Leider sind es grad Nutzer, die viel auf Facebook veröffentlichen, von E-Mail über Interessen bis zu Fotos, die dann nicht darauf achten, was sie einer App gestatten. Da führt dann eins zum anderen. Ich kann nur immer wieder raten: Nichts ins Internet stellen, was man nicht genauso auch auf einen Zettel schreiben und im nächsten Supermarkt ans schwarze Brett hängen würde ;)

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