Zu schön für die Tonne – Spam recycled

Feb 02 2011


No responses yet

Erst liken, dann lesen – Neugier versus Vernunft

Dez 07 2010

Vor einiger Zeit tauchte in meinen Facebook-Updates ein Pinnwand-Eintrag eines Freundes auf, der mich stutzig machte. Sinngemäß lautete der Post: “OMG WTF wenn du DAS LIEST wirst du NIE WIEDER bei MC DONALD´S essen wollen!!!!! Ich habe es selbst NICHT GEGLAUBT aber das ist wirklich so EKELHAFT!!!!!”.

Der inflationäre Gebrauch von Satzzeichen ist alles andere als ein Markenzeichen dieses besagten Freundes, und auch der Tonfall wollte irgendwie nicht so richtig passen, was mich so misstrauisch machte, dass ich dem Ganzen auf den Grund gehen wollte. Long story short: Ich werde zwar die Wahrheit über McD (hoffentlich) nie erfahren – dafür ist der ominöse Pinnwand-Eintrag geklärt. Um die Wahrheit (und nichts als diese) zu erfahren, hätte ich die Seite erst bei Facebook liken und dann teilen müssen – ja, nee, is´ klar.

Gut, hab ich mir gesagt, Schwamm drüber. Wir sind nunmal neugierig. Als das Video von der Herstellung von McNuggets durchs Netz ging, habe ich es auch geschaut. Ein YouTube-Video, das sich über den Unfall bei WettenDass lustig macht, wurde bisher etwa 1,3 Millionen mal aufgerufen (nicht weil es die Leute gut finden, sondern weil der Titel “Unfall bei WettenDass” lautet). Ich nehme es niemandem übel, wenn er “egal” denkt und auf  “like it” klickt, um über McD zu lesen, “was Sie nie über McD wissen wollten”. Und auch wenn ich hoffe, dass immer mehr User diese Art Lock-Seiten erkennen, die Vernunft über die Neugier siegen lassen und zumindest nicht mithelfen, diesen Schmarrn weiterzuverbreiten – ich rege mich nicht darüber auf, wenn sie es nicht tun.

Bis heute.

Wütend. Traurig. Fassungslos.

Heute sah die Seite hinter dem Link, den mir jemand in die Timeline schickte,  so aus:

Über 60.000 Facebook-Nutzern  scheint es egal zu sein, dass sie aufgefordert werden, etwas weiter zu verbreiten, das sie nicht einmal kennen.

Über 60.000 Facebook-Nutzer klicken auf  “like” und “share”, um zu lesen, wie der Vater des jungen, lächelnden Mädchens mit der Zahnspange dieses in den Selbstmord getrieben haben soll.

Über 60.000 Facebook-Nutzer hören entweder nicht das leiseste Alarmglöckchen, wenn sie diese Seite sehen, oder sie ignorieren es (und ich weiß nicht, was schlimmer ist).

Und über 60.000 Facebook-Nutzer haben diesen Eintrag auf ihre Pinwand posten lassen:

Ich kann es natürlich nicht mit letzter Sicherheit sagen – aber  ich glaube, dem Mädchen mit den braunen Haaren und der Zahnspange geht es gut.

Der jungen Frau, die hier blutüberströmt als Eyecatcher herhalten muss, nicht.

Denn das ist Neda Agha-Soltan.

Zum Thema (+ technischer Hintergrund): Reingefallen – wie man sich auf Facebook Likes erschleicht


4 responses so far

Frisch gezwitschert:

Nov 26 2010


No responses yet

Verlaufen (1) – Virtuelle Greifvögel und der Bundestag

Nov 22 2010

Ich bin ein eiserner Verfechter der Theorie, dass jedes Thema spannend sein kann, wenn man tief genug in die Materie vordringt. Ich liebe es, zu recherchieren, mich auf ein Thema stürzen zu können, mich durch Google, Foren, Gesetzestexte und alles, was ich noch so finde, zu wühlen -  solange, bis ich mit dem, was ich gefunden habe, zufrieden bin. Aufgeben? Niemals!

Doch manchmal gelange ich bei meinen Streifzügen an Orte, die mir seltsam fremd sind, wo sich nichts von dem anwenden lässt, was ich weiß, wo die “Natur-”Gesetze scheinbar nicht gelten, wo man sich nicht sicher ist, ob man in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft gelandet ist, und wo ich mich (was selten vorkommt) einfach nicht wohl fühle.

Das DIP

So ging es mir, als ich eines schönen Tages auf der Seite des Bundestags landete, genauer im noch fast funkelnagelneue DIP, dem Dokumentations- und Informationssystem. Dort hat man die Möglichkeit, Drucksachen, Plenarprotokolle, Beratungsabläufe und Aktivitäten zu suchen, anzusehen und downzuloaden, und zwar mit einer einfachen und einer erweiterten Suche. Super, denk ich, das ist ja einfach, und im Suchen bin ich ja eh gut. Das Suchwort „Internet“ bringt auch gleich eine Menge Treffer, 215 Stück, in Häppchen zu 12 Stück. Die meisten  mit so aussagekräftig angeteaserten Überschriften wie „Verfahrensweise mit der bereits errichteten o..“ oder „Gesetz zur Anpassung von Vorschriften auf dem..“. Gut, der mouseover-effect funktioniert tadellos und bei 12 Treffern pro Seite ist man ganz fix und fertig.

Der Download macht etwas Schwierigkeiten, also versuche ich mein Glück erstmal  auf der Seite „Einführung“, um dort festzustellen, dass mir gefühlte 80 Seiten als Erklärung für eine Suchfunktion zu viel sind, selbt wenn diese in so einfachen  Worten geschrieben ist wie:

Im Formularbereich „Zugehörige Drucksachen“ kann der Herausgeber
sowie eine Teil- (unter Verwendung der Modifikatoren „*“ bzw. „%“: siehe Filter) oder die komplette
Nummer einer zugehörigen Drucksache spezifiziert werden.

Beim Versuch, etwas aus der Hilfe zu erfahren, lerne ich, dass man % und * als Trunkierungszeichen verwenden kann und Links-Trunkierung möglich ist, auf das Downloaden verzichte ich allerdings freiwillig und sichte die Dokumente online. Aber es nagt an mir. Der Gedanke – diese Seite,  diese Suchfunktion, die ist doch sicher so erstellt, dass die Bedienung intuitiv und kinderleicht ist. Und in der Hilfe stehen Wörter, die du noch nie gehört hast.

Es nagt also, und ich suche beunruhigt nach etwas Vertrautem, bis meine Augen an einem kleinen Wort hängen bleiben:  Web2.0, hach, schön, ja, das kenn ich, puh, also wenn es das noch gibt, dann ist noch nicht alles zu spät, dann bin ich noch nicht von gestern. Aber das vertraute Gefühl hält nicht lange.  Ich lese weiter (Seite 20 unten), lese von “Web2.0-Technologien”, die sich Chat und TagCloud nennen, von Bildschirmschonern für 18.000 und einem Vogel für 180.000 Euro, der zwar weder reden noch fliegen kann, dessen leicht sarkastische Ader mir unter anderen Umständen aber vielleicht sogar sympathisch sein könnte – denn auf meine Frage, ob er die 180.000 Euro wert war, empfiehlt er mir einen Taschenrechner. Ein echter Spaßvogel.

Fühlt es sich so an, wenn der technische Fortschritt an einem vorbei zieht, ohne dass man es merkt? Ist das schon der Anfang vom Ende für mich, nachdem das Ende des Anfangs grade erst ein paar Monate vorbei ist? Will ich überhaupt dazu gehören, wenn das die Zukunft ist? Wie war nochmal die Adresse von dieser Online-Suizid-Maschine?

Abgezwitschert

Und ich bin schon kurz davor, den Off-Knopf zu drücken, die „Wollen Sie wirklich???“-Frage mit „Ja“ zu beantworten und mein Geld ab morgen als Eisverkäuferin zu verdienen, in einem Park mit ECHTEN Vögeln, deren einziger Input Körner und Würmer sind, die nicht im Netz, sondern im Nest leben, deren “Tweets” mehr als 140 Zeichen haben – und dann denke ich mir “Nä! Nn-nn! Wenn hier einer einen Vogel hat, dann bin das ja wohl offensichtlich nicht ICH!” und klicke auf “abbrechen”, verlasse das DIP, sage dem Avatar, dass er sich verzwitschern soll, und ziehe auf meinem Weg weiter, ohne nochmal über die Schulter zu blicken.

Mittlerweile glaube ich, der Bundestag, der hat einfach sein eigenes Web2.0, und die Ministerien wahrscheinlich auch, heißt ja auch so, Mitmachweb, ich-mach-mir-das-Web-widde-widde-wie-und-so-weiter. Ob alle zusammen einen Vogel haben, oder ob der  nur dem Bundestag gehört, ist ja auch eigentlich egal,  goldene Gans oder Pleitegeier, Geniestreich oder made in Schildburg – eines muss man ihm wirklich zu Gute halten: er hält wenigstens den Schnabel.


No responses yet

Frisch gezwitschert:

Nov 05 2010


No responses yet

Web und Welt (I)

Sep 27 2010

Ich bin zu jung, um sowas zu sagen wie “Früher war alles besser!” (und ich möchte nie alt genug sein, das sagen zu können), aber ich habe das Internet so kennen gelernt, wie es ein zu großer Teil der älteren Generation heute noch sieht. Ein anonymer Spielplatz, wo man sich älter, jünger, hübscher oder größer machen kann, wo man ungestraft Unsinn reden kann, wo man jederzeit jemanden findet, der einem die ewige Liebe schwört. Und wenn es anfängt, zu nerven, macht man den Rechner aus und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Eigentlich war es nichts anderes, als vorher mit Büchern – Fantasiewelten, in die man sich flüchten, Helden, von denen man träumen oder Familien, die man sich als seine eigene vorstellen konnte. Nur eben zum Mitmachen, selbst gestalten.

Ich erinnere mich, dass es sogar schon ein komisches Gefühl war, wenn man sich zu einem Telefongespräch überreden ließ. Zu echt, zu nah, zu real life. Ich hätte auch nicht gewollt, dass einer von Stephen Kings Figuren plötzlich bei mir anruft oder vor meiner Tür steht.

Anonym? Pustekuchen!

In den letzten Jahren erlebe ich das Web aber ganz anders, was natürlich auch daran liegt, dass ich mich mittlerweile auch beruflich viel dort herumtreibe. Anonym? Pustekuchen. Foren, Blogs, Social Networks – es gibt Tools, die das Netz nach Benutzernamen oder E-Mail-Adressen durchsuchen, so dass man sogar bei Fake-Identitäten aufpassen muss, wenn man sicher gehen möchte, dass jemand, der nach einer Verbindung sucht, keine findet. Anonym fühle ich mich im Web einfach nie.

Also achte ich darauf, was ich sage, schreibe, welche Bilder von mir im Netz herumgehen, welche Artikel ich “like”, welche Tweets ich retweete. Ich achte darauf, meinen Freunden und/oder beruflichen Kontakten keine Statusupdates à la “Webmädchen hat ein Dinosaurier-Meerschwein adoptiert.” auf die virtuellen Pinnwände zu packen, weil ich das selbst nicht leiden kann. Ich achte online darauf, wie und wo ich (im Wort- und im übertragenen Sinn) herumlaufe, zuweilen viel mehr, als im “Real Life”, und natürlich ist das Selbstdarstellung – aber ich halte es für wichtig und richtig. Ich bin nicht in einer Fantasiewelt unterwegs, sondern im Web, und der Eindruck, den ich dort hinterlasse, ist nachhaltig, bleibend, zurückzuverfolgen.

Und noch ein Faktor beeinflusst meine Selbstdarstellung im Web erheblich: Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck, und im Netz weiß ich nicht, wo dieser erste Eindruck entsteht. Also versuche ich mich immer von meiner besten Seite zu zeigen. Für alles andere habe ich das “Real Life” ;) .


No responses yet

Märchenweb 2.0

Sep 09 2010

Ich bin wirklich gerne hier, in diesem Wald, den sie Web nennen.

Die Add-Ons machen es sich bei den Plug-Ins gemütlich, Wid und Gad, die zwei Gets, sind meist auch mit von der Partie – das bunte Treiben im Märchenweb hört einfach nicht auf. Nur wenn einer der großen Browser durch den Wald poltert, verkriechen sich die Wusler in ihre Bauten. Kaum ist das Poltern verklungen, kommen sie dafür umso fröhlicher wieder heraus und haben meist noch etwas Kleines im Gepäck. Meist laufe ich staunend herum und nehme mir vor, jedes einzelne der kleinen Wesen genau zu studieren – seine Eigenheiten, seine Fähigkeiten. Manche erweisen sich als fleißige Helferchen, manche sind einfach nur da, um süß auszusehen und den ganzen Tag geknuddelt zu werden. Aber auch wenn ich das Gefühl habe, schon eine kaum zählbare Anzahl verschiedener Ins, Ons und Gets gesehen zu haben, weiß ich, dass dieses Abenteuer gerade erst angefangen hat.

Darum gehe ich so gern hier herum – entdecke neue Orte, neue Gewächse, lerne Spurenlesen, lege selbst Fährten aus, falls jemand zufällig auf meinen Weg stößt. Ab und an begegne ich anderen Streifzüglern, die mal mehr, mal weniger genaue Vorstellungen davon haben, woher sie kommen, wo sie sich befinden und in welche Richtung sie weitergehen sollen. Man kann sich nicht verlaufen, weil es keinen “richtigen” Weg gibt, aber es kommt vor, dass man im Kreis geht, ohne es zu merken, weil Wegweiser verstellt wurden oder unleserlich sind.

Oder weil es jemand darauf anlegt. Denn natürlich gibt es auch Gefahren im Web-Märchenwald. “Bitte nicht füttern” steht auf einem Schild neben dem Phantombild eines Trolls, und mittlerweile erkennen die meisten Bewohner und Besucher, wenn sie es mit einem dieser kleinen Quälgeister zu tun haben. Doch es gibt auch Gefahren, die man nicht als solche erkennt. Manche nisten sich ein, wenn sie die Gelegenheit bekommen, und bis man bemerkt, dass man einen ungebetenen Gast mit sich herumträgt, hat dieser schon allerlei Unheil angerichtet. Andere bieten etwas Hilfreiches, Nützliches, Schönes oder Unentbehrliches, und lenken damit von dem ab, was dahinter steckt.

Also muss man aufmerksam sein, zuhören, genau hinsehen, lernen. Und wenn man den richtigen Weg nicht kennt, oder auf dem falschen unterwegs ist, gibt es genug Schilder, die man lesen, und andere Reisende, die man fragen kann.

Es ist wirklich schön hier, in diesem Wald, den sie Web nennen.


No responses yet